Sie führten sich auf, als hätten sie neben sich keinen Starken und über sich keinen Gott zu fürchten, und nahmen, was immer sie brauchten oder wollten.
Den Bauern führten sie das Vieh von der Weide fort, und von den reisenden Kaufleuten erhoben sie hohen Wegezoll. Dieser wurde gerne gewährt, denn ein Schwert an der Kehle macht es leicht, sich von der Geldkatze zu trennen. Sogar vor Menschenraub machten sie nicht halt und entführten die Kinder der Armen und brachten sie auf ihre Burg.
Als der Heilige Vater in Rom sie für vogelfrei erklärte ob ihrer Untaten, verließen sie das Land nicht etwa, sondern verschanzten sich in der Feste wie die Füchse im Bau. Und obwohl der Graf von Vianden die Burg belagerte, um die Templer auszuhungern, hörten die Raubzüge nicht auf.
Sie erschienen aus heiterem Himmel, schlugen in kleinen Gruppen zu wie Adler, die auf ihre Opfer niederstoßen, und waren gleich darauf wieder verschwunden. Niemand konnte sich erklären, wie die Übeltäter durch den Belagerungsring schlüpfen, und unbemerkt aus der Burg heraus und wieder hinein gelangen konnten.
An einem Sonntagmorgen geschah es, dass ein armer Tagelöhner mit seiner kleinen Tochter im Wald nahe der Burg Holz sammelte. Das Kind hüpfte bald hierhin, bald dorthin, und brachte kleine Äste herbei, um auch sein Teil Arbeit zu tun, und entfernte sich so ein Stück von seinem Vater. Dieser hielt nach einiger Zeit inne, um nach dem Mädchen zu sehen, und als er um sich sah und rufen wollte, hörte er einen verzweifelten Schrei, der jäh abbrach, so als wäre er erstickt worden.
Der Mann rannte in die Richtung, von der das Geräusch gekommen war - er glaubte nichts anderes, als dass das Kind wohl unvorsichtig gewesen und den Hang hinabgestürzt sei. Aber als er weiter in die Richtung lief, aus der des Kindes Hilferuf gekommen war, hörte er leise Stimmen und dumpfes Getrappel.
Da fuhr dem Vater eine heiße Angst in die Kehle, und er hetzte geduckt weiter, selber nun jedes Geräusch vermeidend, so gut er konnte. Ihm kam zupass, dass er den Wald so gut kannte wie seine ärmliche Kate und nicht erst seinen Weg suchen musste. Er huschte einen steilen Pfad entlang, der von hohen Bäumen und von dichten Unterholz gesäumt, ihn verbarg vor aller Augen. Das gedämpfte Geräusch von Hufen kam jetzt unterhalb von ihm, es folgte einem breiteren Weg, der unterhalb des Pfades in die gleiche Richtung führte.
Als er durch das Gehölz spähte, sah er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt - vier Reiter in Kettenhemden und Helmen, in voller Bewaffnung und mit dem Templerkreuz auf Mantel und Schild. Der vorderste hatte das Mädchen mit gebundenen Händen und Füßen hinter sich über dem Pferderücken liegen, festgezurrt und mit einem Knebel im Mund.
Das Kind war bei Bewusstsein, die Augen hatte es weit aufgerissen, aber es machte keine Bewegung. Jetzt bemerkte der Tagelöhner, dass die Hufe der Pferde mit Lappen umwickelt waren. Deshalb war kein Hufschlag zu hören gewesen, nur dieses dumpfe Trappeln, das leicht unbemerkt blieb. Die Templer wechselten leise einige Worte miteinander und setzten dann ihren Ritt fort. Nach einiger Zeit wurde der Weg etwas steiler und das verfilzte Unterholz dichter.
Wiederum hielten die Reiter an, und wiederum schob sich der Mann an die Pfadkante heran, um zu sehen, was geschah, in heftiger Angst um sein Kind.
Der untere Weg war zu Ende, vor den Rittern erhob sich der bewaldete Berg und Gebüsch, es gab kein Vorwärtskommen mehr. Noch während der Beobachter sich fragte, was die Männer da in dieser Sackgasse wollten, stieg der vorderste vom Pferd und schob zum Erstaunen des Mannes einen hohen Busch zur Seite. Dahinter wurde ein Höhleneingang sichtbar, hoch genug für einen Menschen zu Pferd.
`Das also ist des Rätsels Lösung`, schoss es dem Tagelöhner durch den Kopf, als seine Füße auf der steilen Kante den Halt verloren und er nach einem Ast griff, um sich zu halten. Im gleichen Moment ruckten die Köpfe der Tempelritter hoch und er war entdeckt.
Lange Augenblicke vergingen. Der Reiter, der abgestiegen war und das Kind auf dem Pferd hatte, war wohl der Anführer der Gruppe. Er trat an den steilen Hang heran, seine Augen maßen die Entfernung ab und erkannten die Unmöglichkeit, an den Beobachter heranzukommen.
Die Reiter führten keine Bögen mit sich - es wäre auch nicht die Zeit gewesen, anzulegen. Man hatte keine Möglichkeit, um den Mann daran zu hindern, seine Entdeckung den Belagerern mitzuteilen.
Da griff der Templer nach dem Mädchen und hob es vom Pferd, zog seinen Dolch und hielt ihn an die Kehle des Kindes. `Schwör mir beim Leben dieses Kindes und bei dem Gott, an den Du glaubst, dass Du keiner Seele, keinem Menschen etwas erzählen wirst von dem, was du hier gesehen hast. Schwöre es bei Deiner Seele und ich lass das Balg am Leben und unsere Wege trennen sich hier.`
Die Blicke der beiden Männer versenkten sich ineinander, stumm und ohne dass jemand eine Bewegung machte. Der Vater erkannte, dass die Gegebenheiten zu seinen Gunsten standen und nach einiger Zeit sagte er mit fester Stimme: `Ich schwöre es beim Leben meines Kindes und bei Gott, ich werde es keinem Menschen sagen.`
Da zerschnitt der Tempelritter mit dem Dolch die Lederfesseln, die das Kind banden, und ließ es dann grob auf die Erde fallen.
Dann, nach einem langen und kalten Blick, wandte er sich ab und ging zu seinen Begleitern, die nun alle abstiegen und ihre Pferde zum Eingang der Höhle führten. Als alle den Eingang betreten hatten, wurde von innen der Busch wieder vorgezogen und es war, als wäre nie jemand hier gewesen.
Auf dem unteren Weg angekommen, nahm er das wimmernde Kind in seine Arme und wiegte es, glücklich darüber, dass es unverletzt war außer einigen geringen Blessuren.
In den folgenden Tagen drückte die Angst den Mann ebenso wie sein Gewissen. Er fürchtete, dass die Templer ihn finden und mundtot machen würden, und er sah sich außerstande, dem Spuk ein Ende zu machen und die Menschen zu schützen. Er war der Einzige, der das Geheimnis kannte, dass die Ritter in die Lage versetzte, nach Belieben die Burg zu verlassen und wieder zu betreten. Aber er hatte es geschworen und er fühlte sich durch den Eid gebunden, mochte der auch erzwungen worden sein.
Als aber am heiligen Sonntag das Glöcklein zur Messe rief, da schritt er über den Platz vor der Kirche, wo alle Bewohner des Dorfes versammelt waren, und kniete sich vor einen dort liegenden Felsbrocken. Die Leute wurden aufmerksam und beobachteten den Mann, neugierig und abwartend.
In die erwartungsvolle Stille hinein sagte der Tagelöhner nun mit lauter Stimme: `Dir, Stein, sage ich nun, dass die Templer einen Tunnel benutzen, dessen Eingang oben am Eichenwald am Ende des toten Pfades hinter einem Gesträuch liegt.`
Schneller als die Vögel fliegen können, verbreiteten sich nun diese Worte und kamen dem Grafen von Vianden zu Ohren. Dessen Soldaten brauchten nicht lange, um den Tunnel zu finden und schließlich die Festung einzunehmen.
Die Templer, so sie am Leben blieben, wurden vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. So wurde der Drangsal ein Ende gemacht und die Menschen konnten wieder in Frieden leben.
Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz