Die Sage vom Ilsestein

Im Harz wird die Sage von Prinzessin Ilse erzählt, und ich gebe sie weiter wie ich sie gehört habe.

Vor langer Zeit lebte eine schöne Prinzessin namens Ilse auf einer hohen Burg auf einem Felsen. Sie war mit einem liebenswürdigen Prinzen verlobt, den sie von Kindheit an kannte und dem sie in Liebe zugetan war.

Nun begab es sich, dass der junge Bräutigam seine Angebetete besuchen wollte und den Weg durch das Tal zu der Burg auf dem Felsen nahm. Es war ein schöner Tag, das Ufer des kleinen Flüsschens, das sich am Fuße der Felsenlandschaft entlang schlängelte, war von Sonne überflutet. Der junge Mann trieb sein Pferd nicht zur Eile an, er genoss den langsamen Ritt durch das romantische Tal und gedachte seiner Liebsten.

Da bemerkte er am Waldrand einige sehr schöne Blumen von blauer Farbe, und ihm schien es ein sehr guter Gedanke zu sein, seiner Braut einen Strauß davon mitzubringen.

Also stieg er ab und band die Zügel seines Pferdes lose an einen Ast, ging dann auf den Waldrand zu, um flugs einige der Blumen zu pflücken. Aber als er sich gerade niederbeugen wollte, bemerkte er ein Stück weit entfernt unter den Bäumen noch viel schönere Blüten, die er nun lieber nehmen wollte. Bei den Bäumen angekommen, lockte ein noch schönerer Strauch, und leichten Herzens entfernte sich der Prinz immer mehr von Rand des Waldes und geriet tiefer in das Halbdunkel des Forstes.

Da überkam ihn nach einiger Zeit ...

... die Sehnsucht nach seiner Braut und er wollte, die Arme voller Blumen, zu seinem Pferd zurück.

Aber da war kein Pfad zu sehen, die Bäume sahen alle gleich aus, und er wusste nicht mehr, aus welcher Richtung er gekommen war. Der Wald lag dämmerig da und es gab nirgendwo einen Sonnenstrahl, der ihn hätte nach draußen zum Flüsschen leiten können.

Ratlos ging er einige Schritte hierhin und dann wieder dahin, ohne dass er sich hätte für eine Richtung entscheiden können. Rasch fiel nun die Dunkelheit und der junge Mann verfluchte seine Sorglosigkeit. Bald war es so düster, als sei schon Abend und er fiel zunehmend in Verzweiflung. Da gewahrte er einen Lichtschein zwischen den Bäumen, und sogleich hielt er darauf zu. Nach einiger Zeit erreichte er eine Kate, die auf einer Lichtung stand und aus deren Fenster ein matter Lampenschein fiel. Erleichtert klopfte er an die Türe, die sogleich geöffnet wurde.

#Ah, Besuch zu später Stunde - und ein vornehmer Gast ist es auch noch.# Mit diesen Worten lud ihn eine alte Frau zum Eintreten. Im Innern der Hütte gab es nicht viel Mobiliar, und die Alte nötigte den Prinzen auf eine Bank beim Herdfeuer. Im Licht der Lampe besah sich der Verirrte seine Retterin genauer, und erschrak insgeheim. Die Frau war alt und nicht gerade eine Augenweide, struppiges Haar lugte unter einem schmuddeligen Kopftuch hervor und bedeckte, wohl zum Glück, das meiste ihres Gesichtes.

Der Prinz schämte sich dieser Gedanken, war er doch sehr froh, die Hütte gefunden zu haben und eingelassen worden zu sein. `Bleibt nur sitzen, edler Herr, meine Tochter bringt Euch eine Erfrischung.` Bei diesen Worten der Alten erschien eine weitere Frau, sehr viel jünger, aber auch sehr viel grausiger anzusehen. Mit Mühe konnte der Prinz einen erschreckten Aufschrei unterdrücken bei diesem Anblick. Es war, als hätte man einen Bergtroll in Frauenkleider gezwängt, vierschrötig und verwarzt, mit kleinen harten Äuglein und von gelblicher Gesichtsfarbe.

Der Prinz stotterte einen Dank

... und nahm den gebotenen Becher. Ihm wurde bewusst, wie durstig er war nach dem Umherirren im Wald, und er trank in durstigen Zügen.

Der Trank schmeckte süß und köstlich, und er leerte den Becher völlig. Als er das Behältnis gerade abstellen wollte, fiel sein Blick wieder auf die Tochter der Alten, und sie erschien ihm gar nicht mehr so schrecklich. Eigentlich fand er sie sogar anziehend, etwas wild vielleicht, aber sehr hübsch. Nein, mehr als hübsch: wunderschön. Und er entbrannte in Liebe zu ihr und vergaß alles. Auf die Knie fiel der Prinz und flehte sie an, seine Frau zu werden.

Sogleich wurde von irgendwoher ein Mönch geholt, dessen Gesicht von der Kapuze verdeckt war und der mit monotoner Stimme die Zeremonie durchführte. Dem Prinzen galt alles gleich, er hielt die Hand seiner Liebe und wandte keinen Blick von ihr. Am nächsten Morgen wurde er mit barschem Gekeife zur Arbeit gerufen, zum Holzschlagen und Kehren, zum Dachausbessern und zu vielen anderen Verrichtungen mehr. Freudig tat er alles, was man verlangte, schien ihm die Stimme seiner geliebten Frau doch lieblich wie Lerchengesang.

So ging ein Tag in den anderen über, ohne dass er dies wahrnahm bei der Arbeit und seiner Verblendung. Er wurde mit Schimpfnamen belegt, getreten und gekniffen, er bekam außer trockenen Brotkanten und Wassersuppe nichts zu Essen, aber er merkte es nicht einmal. Hingebungsvoll hing sein Blick an den Lippen seiner Frau, bereit alles zu tun für diese Schönheit.

An einem Morgen wurde ihm ein Korb vor die Füße geworfen mit der Weisung, Pilze zu suchen. Dankbar dafür, dass sie mit ihm gesprochen hatte, stolperte der Prinz mit blödem Lächeln in den Wald. Eifrig sammelte er Pilze in den Korb, ohne auf seine Umgebung zu achten. Da traf ihn plötzlich ein Sonnenstrahl wie ein Schlag, und wie benommen wankte der junge Mann aus dem Wald heraus und auf das Flussufer zu. Da sah er sich um, staunend und verwirrt.

Auf die Knie sank er und sah ...

... in das klare Wasser des Flusslaufs, und schöpfte Wasser mit den Händen, um zu trinken. Und als das Nass sein Gesicht berührte, da schreckte er auf wie aus einem Traum.

Sein Blick schärfte sich und er erinnerte sich daran, wer er war. Sein Spiegelbild im Flüsschen zeigte einen hohlwangigen Menschen mit verfilztem Haar und tiefliegenden Augen. Seine Kleider hingen in Fetzen an ihm, schmutzig und schmierig, er war erbarmungswürdig mager und verströmte einen nicht eben angenehmen Geruch. Aber mit heißer Angst im Herzen bewältigte er den Weg zur Burg, und jeder mühsame Schritt war ein Fluch für die Hexen, denen er entkommen war.

Auf der Feste erkannte man den abgerissenen Vagabunden nicht. Erst als die Prinzessin mit hellem Aufschrei an das Tor gerannt kam und die Gestalt in die Arme nahm, gewahrten die Menschen, wer er war.

Vor Monaten war sein Pferd ohne seinen Reiter in den heimatlichen Stall gekommen. Man hatte einen Unfall befürchtet und den Prinzen überall gesucht, aber nie eine Spur von ihm gefunden. Seither hatte er als verschollen gegolten, nur die Prinzessin Ilse gab die Hoffnung nicht auf. Sie hatte all die Zeit treu auf ihn gewartet, da ihr Herz gespürt hatte, dass er noch am Leben war.

Als der Prinz sich völlig erholt hatte, wurde die Hochzeitsfeier ausgerichtet - ein Fest, zu dem viele Gäste aus nah und fern geladen waren. Alle waren glücklich an diesem Tag und in froher Festlaune. Vor allen gaben sich Ilse und ihr Prinz das Jawort, die glücklichen Eltern weinten, wie sich das gehört bei Hochzeiten, und die Köche gaben ihr Bestes.

Als der Ball begonnen hatte am frühen Abend, da verdüsterte sich der Himmel langsam, und dunkle Wolken zogen auf. Ein Sturm fegte vom Wald her auf das Schloss, und in die Herzen des Paares schlich sich Bangigkeit. Die beiden verließen den Ballsaal und begaben sich in böser Vorahnung auf den Mauergang.

In der Dunkelheit wetterleuchtete es und ein unheimliches Grollen rollte über die Burg. Da erhellte ein Blitz den Himmel, und einen Herzschlag lang war ein riesiges, teuflisch hässliches Gesicht in den Wolken zu sehen. Der Prinz schloss die Augen und umklammerte seine Frau, denn diese Fratze kannte er. Dann noch ein Blitz und das Bild einer Gestalt mit erhobener Faust über ihnen, ein Lachen, das lauter war als der Donner und ein irrer Schrei. Und die beiden Liebenden sahen einen mächtigen Blitz auf die Mauer zufahren. Dann war ein Krachen und Bersten als die Mauer fiel - dann nichts mehr.

In dieser Nacht stürzte die Burg unter den Blitzen und dem Unwetter den Felsen hinab, mit allem was in ihr lebte. Die Rache der Hexen kannte kein Erbarmen. Und seit diesem Tag tragen das Flüsschen und der Fels den Namen der Prinzessin Ilse.

So wurde es weitergegeben an mich, und ich habe keinen Grund daran zu zweifeln.

Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz