Mario Wiegel:
+++ Erzieher, Diakon, Diplom Sozialpädagoge, Diplom Sozialgerontologe
+++ Leiter des Seniorenreferates des Evangelischen Stadtkirchenkreises Kassel
Ja, unbedingt, findet Mario Wiegel vom Seniorenreferat der Evangelischen Kirche in Kassel. Drei Fragen an den Diakon und Sozialgerontologen auf dieser Website.
Ja, in mehrfacher Hinsicht. Die Lebensphase, die wir Alter nennen, hat sich während der letzten Jahrzehnte nach hinten verlängert durch die ständig steigende individuelle Lebenszeit. Der Beginn des Alters wurde ideologisch (durch Wirtschaft, Werbung, Lifestyle etc.) ebenfalls nach hinten verschoben, faktisch hingegen - durch die frühzeitige Ausgliederung der Menschen aus dem Erwerbsleben - nach vorn.
Bereits zwei Drittel der 55- bis 65-Jährigen sind nicht (mehr) erwerbstätig. Das hat eine längere Altersphase zur Folge, die bei den meisten Menschen im Gegensatz zu früher gekennzeichnet ist von besserer Gesundheit, höherer Mobilität, umfassenderer Bildung und - derzeit noch -von materieller Absicherung bis hin zum Wohlstand. Problematisch ist, dass sich die Familienverbünde im Alltag auflösen, die Familienmitglieder über das gesamte Bundesgebiet und darüber hinaus verstreut leben. Altsein heute bedeutet für viele Menschen ein großer räumlicher Abstand zu Kindern und Enkelkindern, gleichzeitig viele Möglichkeiten und Chancen, die eigenen Ressourcen und Kompetenzen in die Gesellschaft einzubringen.
Nein, ich glaube nicht. Für die Phase des Alters gilt, was für das gesamte Leben gilt: Es ist lebensgefährlich. Es beinhaltet Schwierigkeiten und Herausforderungen eigener Art, aber auch ein Höchstmaß an Lebenserfahrung und Wissen, um ihnen zu begegnen.
Ja, unbedingt. Wir gewinnen unsere Identität weitestgehend aus unserer beruflichen Tätigkeit, wobei ich hier den Beruf der ?Geschäftsführung der Familie# bewusst mit einbeziehe. Beim Ausstieg aus dem Erwerbsleben, am Ende der Familiengeschäftsführung (wenn die Kinder endgültig aus dem Haus sind) müssen neue Aufgaben, Ziele - sprich Lebensinhalte - da sein. Es müssen neue, tragfähige Beziehungen, Netzwerke, vorhanden sein, die die alten, beruflich und familiär geprägten ersetzen. Vor den meisten Menschen liegen dann noch gut zwei Jahrzehnte und mehr, die gefüllt sein wollen.
Vorbereitung konkret bedeutet die rechtzeitige Auseinandersetzung mit einer Reihe von Fragen. Die drei wichtigsten sind für mich: Wo will ich alt werden? Wie will ich alt werden? Mit wem will ich alt werden?
1. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in unserem Lande wächst, sie hat sich während der letzten hundert Jahre fast verdoppelt.
2. Damit wächst auch der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung.
3. Die Zahl der Geburten ist seit einigen Jahrzehnten rückläufig. Für den Bestand der Bevölkerungszahl wäre eine Geburtenrate von 2,2 Kindern nötig. Z. Zeit liegt die Geburtenrate jedoch nur bei ca. 1,3.
Berlin (dpa) - Die Bevölkerung in Deutschland wird bis 2050 weiter schrumpfen und vergreisen. Dann dürfte es ungefähr doppelt so viele 60-Jährige geben wie Neugeborene. Derzeit ist deren Zahl nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in etwa ausglichen.
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Bis zum Jahr 2050 geht die Zahl der Bundesbürger nach Annahmen der Statistiker von 82,4 Millionen auf 69 bis 74 Millionen zurück. «Die Bevölkerungspyramide wird sich bis 2050 umgekehrt haben», sagte der Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes, Walter Radermacher, am Dienstag in Berlin.
Die von ihm präsentierten Zahlen aus der neuen koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung bestätigen die bisher schon erkennbaren langfristigen Trends des demographischen Wandels. Als Grund für den Bevölkerungsschwund nannte Radermacher das weiter ansteigende jährliche Geburtendefizit. Im vergangenen Jahr waren 144 000 mehr Menschen gestorben als auf die Welt gekommen. Diese Differenz droht auf voraussichtlich 600 000 im Jahr 2050 anzusteigen.
Wollte man den aktuellen Altenquotienten - das Verhältnis von Rentnern zu den 20- bis 65-Jährigen - auch künftig auf dem aktuellen Stand von 32 zu 100 halten, müsste man nach den Worten von Radermacher das Renteneintrittsalter «rein rechnerisch» auf 74 bis 75 Jahre im Jahr 2050 anheben. Der Vizepräsident betonte, es handele sich bei den vorgestellten Daten um keine Prognose, sondern um Hochrechnungen auf der Basis unterschiedlicher Annahmen.
Mario Wiegel: ich glaube, niemand kann Ihnen diese Frage abschließend beantworten. Ich will zwei Schlaglichter darauf werfen: Zunächst vermute ich einen Zusammenhang zwischen dem zunehmenden Bedeutungsverlust der Familienverbände in vertikaler Ausrichtung. Obwohl - nach neueren Untersuchungen - die Familie ideell wieder an Bedeutung gewinnt, verliert sie durch die Wanderungsbewegungen der jüngeren Arbeitnehmer in die wirtschaftlich starken Ballungsräume faktisch ihre Bedeutung als soziales Netzwerk.
Zum anderen denke ich, weil der Begriff einfach inflationär gebraucht wird. Während die Soziologie differenziert zwischen historischen, gesellschaftlichen und familialen Generationen, füllt ihn ansonsten jeder wie er will.
Mario Wiegel: Genau! Und die `verlorene Generation`, die `68er Generation`, der `Krieg der Generationen` das `Mehrgenerationenhaus`, die `Generation Praktikum`, der `Generationenvertrag` und so weiter. Generation wird mal als Altersbestimmung herangezogen, in Abgrenzung zu anderen Altersgruppen und mal zur Charakterisierung einer bestimmten Gruppe von Menschen, ausgehend von einer gemein-4 samen Erfahrung. In der Industrie ist die `neue Generation` eines Produktes eng verbunden mit Begriffen wie `Hightech`, `Innovation` und `revolutionärer Entwicklung` und beinhaltet in der Regel die Abwertung früherer Erzeugnisse. Und manchmal ist der Begriff sogar ganz nah an seiner genealogischen Herkunft: wenn man zum Beispiel in der Sozialpolitik von Sozialhilfeempfängern in der dritten Generation spricht. Überwiegend wird der Terminus relativ unreflektiert mit der sehr unscharfen Einteilung der Gesellschaft in `Jugend`, `Erwachsene` und `Alte` angewendet.
Ich glaube schon. Damit nimmt man eine Einteilung in drei Altersgruppen vor, die in sich nicht homogen sind. In der Regel sind mit `Jugend` die unter 20-Jährigen und mit `Erwachsene` die 20- bis 60-Jährigen gemeint. Der `Rest` sind dann die Alten.
Ich habe vor wenigen Tagen in einem Seminar angehende Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, Erstsemester, nach ihrer Definition von Generationen gefragt: Junge, Erwachsene und Alte bzw. Kinder, Eltern, Großeltern lautete die übereinstimmende Antwort. Selbst die Alterseinteilung stimmte fast mit meiner obigen Beschreibung überein, bei den Studentinnen begann das Alter allerdings `erst` mit 65 Jahren. Alle wiesen darauf hin, dass die unter 20-Jährigen stark differenziert werden müssen und ?Erwachsene# ein Sammelbegriff sei, der wenig aussagt
Bei Auflistung der Assoziationen zum Begriff `Alter` dominierten Rente, krank, Depression, ignorant, Rollstuhl, Pflegeheim, Pflege, Altersheim, Unselbständigkeit, Tod und Einsamkeit. Das erklärt auch, warum wir zwar das `Älterwerden` gerade noch akzeptieren können, aber nur wenige `alt` sein wollen. Wir brauchen dringend neue, zeitgemäße Altersbilder und -definitionen, und wir müssen genauer sagen, was wir mit Generationen meinen.
Mario Wiegel: Heute wird gern propagiert, generationenübergreifendes Denken und Handeln zu fördern - wie kann das gelingen?
Nachhaltige Generationenbeziehungen lassen sich am ehesten sozialräumlich und lebensweltlich fördern, denn gemeinsame Lebenszusammenhänge und Interessen bilden bessere Grundlagen als künstliche Konstrukte. Ein weiteres Kriterium sind die beiderseitigen Gewinnsituationen, die ähnlich wie in familiären Austauschbeziehungen nicht immer eine objektiv ausgeglichene Bilanz aufweisen, aber eine `innere Zufriedenheit` der Beteiligten erbringen müssen. Bei generationenübergreifenden Aktivitäten und Projekten geht es derzeit noch meist um `alt - jung`.
Denken Sie an den Kinderchor, der im Advent im Seniorenheim Weihnachtslieder singt?
Richtig, das beliebte Beispiel. Wenn es uns allerdings gelingt, den Generationenbegriff etwas zu differenzieren, eröffnet das generationenübergreifende Denken und Handeln völlig neue Perspektiven. Dann kann man nämlich fragen, welches die Schnittmengen zwischen den 30- und den 50-Jährigen oder den 50- und 70-Jährigen sind. So rücken wahrscheinlich viel stärker die gemeinsamen Lebenszusammenhänge und Interessen in den Focus, aus denen sich neue, tragfähige Beziehungen und soziale Netzwerke entwickeln können.