31.01.2012 09:59

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Senioren-Info Mario Wiegel

Mario Wiegel:
+++ Erzieher, Diakon, Diplom Sozialpädagoge, Diplom Sozialgerontologe
+++ Leiter des Seniorenreferates des Evangelischen Stadtkirchenkreises Kassel

Muss man sich aufs Alter vorbereiten?

Ja, unbedingt, findet Mario Wiegel vom Seniorenreferat der Evangelischen Kirche in Kassel. Drei Fragen an den Diakon und Sozialgerontologen auf dieser Website.

Bedeutet Altsein heute etwas anderes als früher?

Ja, in mehrfacher Hinsicht. Die Lebensphase, die wir Alter nennen, hat sich während der letzten Jahrzehnte nach hinten verlängert durch die ständig steigende individuelle Lebenszeit. Der Beginn des Al­ters wurde ideologisch (durch Wirtschaft, Werbung, Lifestyle etc.) eben­falls nach hinten verschoben, faktisch hingegen - durch die frühzeitige Ausgliederung der Menschen aus dem Erwerbsleben - nach vorn.

Bereits zwei Drittel der 55- bis 65-Jährigen sind nicht (mehr) er­werbstätig. Das hat eine längere Altersphase zur Folge, die bei den meis­ten Menschen im Gegensatz zu früher gekennzeichnet ist von besserer Gesundheit, höherer Mobilität, umfassenderer Bildung und - derzeit noch -von materieller Absicherung bis hin zum Wohlstand. Problema­tisch ist, dass sich die Familienverbünde im Alltag auflösen, die Familien­mitglieder über das gesamte Bundesgebiet und darüber hinaus verstreut leben. Altsein heute bedeutet für viele Menschen ein großer räumlicher Abstand zu Kindern und Enkelkindern, gleichzeitig viele Möglichkeiten und Chancen, die eigenen Ressourcen und Kompetenzen in die Gesell­schaft einzubringen.

Muss man vorm Alter Angst haben?

Nein, ich glaube nicht. Für die Phase des Alters gilt, was für das gesamte Leben gilt: Es ist lebensgefährlich. Es beinhaltet Schwierig­keiten und Herausforderungen eigener Art, aber auch ein Höchstmaß an Lebenserfahrung und Wissen, um ihnen zu begegnen.

Soll man sich auf den Ruhestand vorbereiten?

Ja, unbedingt. Wir gewinnen unsere Identität weitestgehend aus unserer beruflichen Tätigkeit, wobei ich hier den Beruf der ?Geschäfts­führung der Familie# bewusst mit einbeziehe. Beim Ausstieg aus dem Erwerbsleben, am Ende der Familiengeschäftsführung (wenn die Kinder endgültig aus dem Haus sind) müssen neue Aufgaben, Ziele - sprich Le­bensinhalte - da sein. Es müssen neue, tragfähige Beziehungen, Netz­werke, vorhanden sein, die die alten, beruflich und familiär geprägten ersetzen. Vor den meisten Menschen liegen dann noch gut zwei Jahr­zehnte und mehr, die gefüllt sein wollen.

Vorbereitung konkret bedeutet die rechtzeitige Auseinandersetzung mit einer Reihe von Fragen. Die drei wichtigsten sind für mich: Wo will ich alt werden? Wie will ich alt werden? Mit wem will ich alt werden?

Bevölkerung im Wandel

Demographischer Wandel oder Bevölkerung im Wandel sind die Begriffe, die fast täglich für irgendeine Schlagzeile herhalten müssen. Gemeint sind im Wesentlichen damit drei Entwicklungen:

1. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in unserem Lande wächst, sie hat sich während der letzten hundert Jahre fast verdoppelt.
2. Damit wächst auch der Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung.
3. Die Zahl der Geburten ist seit einigen Jahrzehnten rückläufig. Für den Bestand der Bevölkerungszahl wäre eine Geburtenrate von 2,2 Kindern nötig. Z. Zeit liegt die Geburtenrate jedoch nur bei ca. 1,3.

Statistik: Bevölkerung schrumpft weiter und vergreist

Das Statistische Bundesamt präsentiert Modellrechnungen zur Entwicklung der Bevölkerungszahl in Deutschland bis 2050.

Berlin (dpa) - Die Bevölkerung in Deutschland wird bis 2050 weiter schrumpfen und vergreisen. Dann dürfte es ungefähr doppelt so viele 60-Jährige geben wie Neugeborene. Derzeit ist deren Zahl nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in etwa ausglichen.


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Bis zum Jahr 2050 geht die Zahl der Bundesbürger nach Annahmen der Statistiker von 82,4 Millionen auf 69 bis 74 Millionen zurück. «Die Bevölkerungspyramide wird sich bis 2050 umgekehrt haben», sagte der Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes, Walter Radermacher, am Dienstag in Berlin.
Die von ihm präsentierten Zahlen aus der neuen koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung bestätigen die bisher schon erkennbaren langfristigen Trends des demographischen Wandels. Als Grund für den Bevölkerungsschwund nannte Radermacher das weiter ansteigende jährliche Geburtendefizit. Im vergangenen Jahr waren 144 000 mehr Menschen gestorben als auf die Welt gekommen. Diese Differenz droht auf voraussichtlich 600 000 im Jahr 2050 anzusteigen.
Wollte man den aktuellen Altenquotienten - das Verhältnis von Rentnern zu den 20- bis 65-Jährigen - auch künftig auf dem aktuellen Stand von 32 zu 100 halten, müsste man nach den Worten von Radermacher das Renteneintrittsalter «rein rechnerisch» auf 74 bis 75 Jahre im Jahr 2050 anheben. Der Vizepräsident betonte, es handele sich bei den vorgestellten Daten um keine Prognose, sondern um Hochrechnungen auf der Basis unterschiedlicher Annahmen.

Generationenübergreifend denken, neue Perspektiven gewinnen!

Wie können #nachhaltige Beziehungen# zwischen den verschiedenen Lebensaltern entstehen? Wo müssen wir umdenken und in welche Richtung? Ein Gespräch mit Mario Wiegel vom Seniorenreferat der E

Blick in die Kirche:

Das Thema `Generationen` ist zurzeit in aller Munde. Warum ist das ei­gentlich so?

Mario Wiegel: ich glaube, niemand kann Ihnen diese Frage abschließend beantworten. Ich will zwei Schlag­lichter darauf wer­fen: Zunächst ver­mute ich einen Zusammenhang zwischen dem zunehmenden Bedeutungsverlust der Famili­enverbände in vertikaler Ausrichtung. Obwohl - nach neueren Untersuchungen - die Familie ideell wieder an Bedeutung gewinnt, verliert sie durch die Wanderungsbewegungen der jün­geren Arbeitnehmer in die wirtschaftlich star­ken Ballungsräume faktisch ihre Bedeutung als soziales Netzwerk.

Zum anderen denke ich, weil der Begriff einfach inflationär gebraucht wird. Während die Soziologie differenziert zwischen histo­rischen, gesellschaftlichen und familialen Gene­rationen, füllt ihn ansonsten jeder wie er will.

Die `Generation Golf` ....

... fällt einem da sofort ein...

Mario Wiegel: Genau! Und die `verlorene Generation`, die `68er Generation`, der `Krieg der Gene­rationen` das `Mehrgenerationenhaus`, die `Generation Praktikum`, der `Generationenver­trag` und so weiter. Generation wird mal als Altersbestimmung herangezogen, in Abgren­zung zu anderen Altersgruppen und mal zur Charakterisierung einer bestimmten Gruppe von Menschen, ausgehend von einer gemein-4 samen Erfahrung. In der Industrie ist die `neue Generation` eines Produktes eng verbunden mit Begriffen wie `Hightech`, `Innovation` und `revolutionärer Entwicklung` und beinhaltet in der Regel die Abwertung früherer Erzeugnisse. Und manchmal ist der Begriff sogar ganz nah an seiner genealogischen Herkunft: wenn man zum Beispiel in der Sozialpolitik von Sozialhil­feempfängern in der dritten Generation spricht. Überwiegend wird der Terminus relativ unreflektiert mit der sehr unscharfen Einteilung der Gesellschaft in `Jugend`, `Erwachsene` und `Alte` angewendet.

Geht diese Einteilung nicht an der Wirklich­keit ...

... des 21. Jahrhunderts vorbei?

Ich glaube schon. Damit nimmt man eine Einteilung in drei Altersgruppen vor, die in sich nicht homogen sind. In der Regel sind mit `Ju­gend` die unter 20-Jährigen und mit `Erwach­sene` die 20- bis 60-Jährigen gemeint. Der `Rest` sind dann die Alten.

Ich habe vor wenigen Tagen in einem Se­minar angehende Sozialarbeiter und Sozial­pädagogen, Erstsemester, nach ihrer Definition von Generationen gefragt: Junge, Erwachsene und Alte bzw. Kinder, Eltern, Großeltern lautete die übereinstimmende Antwort. Selbst die Al­terseinteilung stimmte fast mit meiner obigen Beschreibung überein, bei den Studentinnen begann das Alter allerdings `erst` mit 65 Jah­ren. Alle wiesen darauf hin, dass die unter 20-Jährigen stark differenziert werden müssen und ?Erwachsene# ein Sammelbegriff sei, der wenig aussagt

Bei Auflistung der Assoziationen zum Be­griff `Alter` dominierten Rente, krank, Depres­sion, ignorant, Rollstuhl, Pflegeheim, Pflege, Altersheim, Unselbständigkeit, Tod und Ein­samkeit. Das erklärt auch, warum wir zwar das `Älterwerden` gerade noch akzeptieren können, aber nur wenige `alt` sein wollen. Wir brau­chen dringend neue, zeitgemäße Altersbilder und -definitionen, und wir müssen genauer sa­gen, was wir mit Generationen meinen.

Heute wird gern propagiert, ...

... generationen­übergreifendes Denken und Handeln zu för­dern - wie kann das gelingen?

Mario Wiegel: Heute wird gern propagiert, generationen­übergreifendes Denken und Handeln zu för­dern - wie kann das gelingen?

Nachhaltige Generationenbeziehungen lassen sich am ehesten sozialräumlich und lebensweltlich fördern, denn gemeinsame Le­benszusammenhänge und Interessen bilden bessere Grundlagen als künstliche Konstrukte. Ein weiteres Kriterium sind die beiderseitigen Gewinnsituationen, die ähnlich wie in famili­ären Austauschbeziehungen nicht immer eine objektiv ausgeglichene Bilanz aufweisen, aber eine `innere Zufriedenheit` der Beteiligten erbringen müssen. Bei generationenübergreifen­den Aktivitäten und Projekten geht es derzeit noch meist um `alt - jung`.

Denken Sie an den Kinderchor, der im Advent im Seniorenheim Weihnachtslieder singt?

Richtig, das beliebte Beispiel. Wenn es uns allerdings gelingt, den Generationenbegriff etwas zu differenzieren, eröffnet das generationenübergreifende Denken und Handeln völlig neue Perspektiven. Dann kann man nämlich fragen, welches die Schnittmengen zwischen den 30- und den 50-Jährigen oder den 50- und 70-Jährigen sind. So rücken wahrscheinlich viel stärker die gemeinsamen Lebenszusammen­hänge und Interessen in den Focus, aus denen sich neue, tragfähige Beziehungen und soziale Netzwerke entwickeln können.

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