Die Sage vom Jungfernsprung
Nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz
Bei Dahn in der Pfalz liegt der Jungfernsprung, ein steiler Felsen, der 70 m hoch ist und den Ort überragt. Wie der Fels zu seinem Namen kam, erzählt die Sage vom Jungfernsprung.
Vor langer Zeit lebten die Menschen im Dahner Tal im Schatten der Adligen und Burgherren, die allerhand Dienste und Fron verlangten, und dafür Schutz boten vor Feinden und Angreifern. Die hochgestellten Herren waren wohl kaum etwas anderes als Raubritter und deren Söldner, und sie benahmen sich kaum besser als die Räuber und Wegelagerer, vor denen sie das Volk schützen sollten. Sie waren eine Plage für die Menschen, die in ständiger Angst und Armut lebten.
Eines Tages ging ein junges Mädchen in den Wald, um Holz und vielleicht das eine oder andere Essbare zu sammeln. Es war nicht ungefährlich, was sie da wagte, denn man konnte jederzeit einem oder gar mehreren der unangenehmen Gesellen in die Arme laufen. Und helfen konnte dann nur noch Gott. Daher tat sie hastig ihre Arbeit, nicht ohne sich immer wieder ängstlich umzublicken und auf Geräusche achtzugeben.
Während sich die Jungfrau immer weiter bückte, kleine Äste und Zweige aufnahm und zu einem Bündel fügte, erschien ihr der Wald auf einmal sehr still. Es war keine Vogelstimme mehr zu hören, alles war völlig ruhig … zu ruhig. Dem Mädchen fuhr ein eisiger Schauder durch die Glieder, sie richtete sich langsam auf, mit angststeifem Nacken. So verharrte sie einige Herzschläge lang, ohne sich zu rühren.
Da knackte etwas, so als bräche ein Ast unter einem Fuß, unter einem schweren Tritt. Sie fuhr herum und sah einen der Gefürchteten auf sich zukommen … nein, den Allerärgsten. Wie gebannt starrte sie in das Gesicht des langsam näherkommenden Mannes, sah sein breites Grinsen und das starre Funkeln seiner Augen. Er stieß ein heiseres Lachen aus, er war sich seiner Beute sicher und voller Vorfreude.
Der Ton löste ihre Starre, sie ließ das Holz fallen und lief blindlings los. Weg, nur weg von ihm. Halb hörte sie hinter sich einen wütenden Aufschrei, dann splitterte das Unterholz, als der Mann die Verfolgung aufnahm. Das Mädchen rannte ohne Rücksicht auf Ranken und Dornen vorwärts, stolperte und fing sich wieder, sprang über Baumstümpfe, rannte gegen Bäume, verlor kostbare Sekunden.
Der Mann war durch seine Masse und seinen Lederharnisch behindert, aber er brach durch das Dickicht wie ein Rammbock und fiel nicht zurück. Die Jungfrau hatte längst die Richtung verloren, ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Sie lief weiter, ohne auf den Weg zu achten. Ihre nackten Beine bluteten und ihre Kleider waren fast in Fetzen, sie merkte es nicht mehr. Nur weiterlaufen, immer weiter.
Dann hinter ihr ein Ruf und ein wildes Lachen, dann Stille. Und es wurde hell vor ihr, der Wald war zu Ende und sie blieb stehen in der hellen Sonne, die plötzlich auf ihrem Gesicht brannte. Mit einem Aufschluchzen erkannte sie, wo sie stand, und dass ihr Weg zu Ende war. Vor ihr war nichts, der Felsen fiel steil viele Meter tief ab. Unter ihr das Dahner Tal und hinter ihr… sie sah sich um. Er stand mit verschränkten Armen nicht weit von ihr auf dem Fels, sein Gesicht eine thriumpherfüllte Fratze. Langsam ließ der Jäger die Arme sinken und kam auf sie zu, gemächlich und fast schlendernd. Er war sich seiner Beute gewiss. Entkommen konnte sie ihm nicht mehr.
Aber im Innern der Jungfrau tat sich in der Verzweiflung ein Weg auf, sie hielt dem Blick des Verfolgers einen Augenblick ruhig stand. Verwirrt verharrte er einen Moment, das war ungewöhnlich für ein Beutetier. Das Mädchen schloss die Augen, ihre Lippen bewegten sich lautlos im Gebet und sie legte die Hände auf ihr Herz. Dann drehte sie sich um und tat einen Schritt ins Leere.
Mit einem lästerlichen Fluch machte der Ritter einen Satz zum Rand des Felsens hin, aber sie war in den Abgrund gesprungen und nicht mehr erreichbar für ihn.
Sie hatte sich in die Hände Gottes begeben, losgelassen von aller Furcht, und ihr Vertrauen wurde belohnt. Denn sie stürzte nicht ins Tal wie ein Stein. Sacht kam sie am Fuß des Felsen auf und blieb unverletzt. Und im gleichen Augenblick sprudelte eine Quelle an derselben Stelle hervor.
Was aus der Jungfrau oder dem Häscher geworden ist, wurde nicht überliefert. Manche sagen, es habe sich um den Raubritter “Hans Trapp” von Weissenburg gehandelt, mit dem die Mütter noch heute ihren Kindern Angst machen, wenn diese nicht folgen wollen.
So jedenfalls kam der große Felsen zu seinem Namen und wurde fortan “Jungfernsprung” geheißen.