Die Sage vom Untergang Rungholts
Nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, PresseNet
Vor einigen hundert Jahren lag an der Nordsee die Stadt Rungholt, die für ihren Wohlstand berühmt war und wohl auch beneidet wurde. Den Bürgern der Stadt fehlte es an nichts - man ging gut gekleidet, hatte das Notwendige und mehr als genug darüber hinaus. Die Wege waren gepflastert und die Wirtshäuser gut besucht, was man von der Kirche nicht behaupten konnte. Obwohl das Gotteshaus schmuck und gepflegt seinen Turm gegen den Himmel reckte, blieb es am heiligen Sonntag bis auf einige wenige Menschen leer.
Da es den Menschen in Rungholt an nichts mangelte, glaubten sie keine Veranlassung zum Gebet zu haben… sei es nun Bitte oder Dank. In ihrer Hoffart dachten die Einwohner, ohne die Gnade und Hilfe Gottes auskommen zu können, nicht einmal für rechte Deiche war gesorgt. Es war, als glaubten die Rungholter, dass selbst die Nordsee den Reichtum Rungholts zu respektieren habe, und der Sturm von der See her an der Stadtgrenze umkehren würde.
Just zu dieser Zeit wurde ein neuer Pfarrer in die Gemeinde geschickt, ein junger und schüchterner Mensch, der in Rungholt seine erste Stelle antreten sollte. Am Vormittag war er kurz vor dem Stadttor von dem Ochsenkarren gestiegen, mit dem er das letzte Stück Weg gefahren war, und frohen Mutes schritt er durch den Torweg. Sehr erstaunt war der junge Priester über den Anblick, der sich bot. Es war gerade Markttag, und eine solch erstaunliche Fülle von Waren hatte er noch nie gesehen. Auch nicht solch gut gewandetes Volk, das sich langsamen Schrittes zwischen den Marktständen erging.
Zwischenzeitlich waren einige der Vorübergehenden auf den Mann in der Priestertracht aufmerksam geworden und stießen sich grinsend gegenseitig an. Einige junge Mädchen in der Gesellschaft herausgeputzter Burschen kicherten vernehmlich über den Anblick des jungen Geistlichen. Einige wohlbeleibte Bürger ließen einen flinken Blick über ihn weggleiten und wandten sich sofort gelangweilt wieder ab. Einzig zwei keck auftretende Kerls, mit Federn am Hut, und leicht schwankend, riefen ihm ein “Gott zum Gruße” zu, worüber sie dermaßen ins Lachen kamen, dass sie sich gegenseitig stützen mussten.
Dem Priester wurde unbehaglich zumute, und er ging gesenkten Kopfes rasch zur Kirche hinüber, die er auf der anderen Seite des Marktplatzes gewahrt hatte, und die ihm als Hort des Schutzes erschien bei all den Seltsamkeiten. Die Türe ließ sich sofort öffnen, und erleichtert trat er aus dem grellen Tageslicht in das gedämpfte Licht des Gotteshauses.
Hier drinnen war es kühl und ruhig, und er schritt vorwärts zum Altar, wo er das Knie und das Haupt beugte, Gott dankend für die gewährte Zuflucht. Ein leichtes Hüsteln ließ ihn den Blick heben. Vor ihm standen drei Frauen, eine ältere und zwei recht junge, die sich grüßend verneigten. “Seid willkommen, Hochwürden”, begrüßte ihn die Älteste der Dreien. “Wollt Ihr uns Euren Segen geben, wir haben lange ohne geistlichen Beistand verbringen müssen.”
Es stellte sich heraus, dass die drei Frauen diejenigen waren, die die Kirche rein hielten und auch für Festtage schmückten, wofür sie verlacht und verspottet wurden. Sie erzählten dem Priester von der Gottlosigkeit in Rungholt, und wie sie gewartet hatten, als der alte Priester vor längerer Zeit gestorben war, wohl am reichlich genossenen Branntwein. Die Messe hatte er nicht mehr gelesen, er hielt seine Andachten, die eher dem Weingeist als dem Heiligen Geist galten, lieber im “Blauen Wal” ab, wo er auch eine weitaus größere Gemeinde gehabt hatte.
Der Priester dankte den treuen Seelen für ihre Treue und lobte ihren starken Glauben, der sie hatte ausharren lassen. Das angebotene Mahl lehnte er ab fürs Erste, er wollte später sein Zimmer aufsuchen. Allein gelassen kniete der Mann nieder und betete um Schutz und Beistand ebenso wie um Stärke.
Wohl war er ein wenig eingenickt, denn um ihn herum war es fast dunkel geworden. Mittlerweile hungerte es ihn ein wenig und er stand mit steifen Gliedern auf, um nach den Frauen zu sehen. Da ging die Kirchentüre auf und zwei Männer kamen auf ihn zu. Mit Erstaunen sah er, dass es sich um die beiden Tunichtgute vom Mittag handelte, jene die über ihn gelacht hattten.
Nichtsdestotrotz fragte er ruhig, was er für sie tun könne. “Es geht um einen Sterbenden, Pfa… äh Hochwürden”, lallte der eine. “Ihr müsst sofort kommen, eh es zu spät ist.” Der andere Kerl nickte zu diesen Worten, wobei er verdächtig ins Schwanken geriet. “Jaja… mitkommen”, nuschelte er und griff ohne viel Federlesens nach des Priesters Arm. Das tat auch der andere, der nach der schwarzen Tasche des Geistlichen griff.
“Habt Ihr da wohl, was Ihr braucht zu Eurem Geschäft?” Ohne eine Antwort abzuwarten, zerrten die beiden den völlig überrumpelten jungen Mann mit sich fort und zur Kirchentüre hinaus. Über den Marktplatz ging es dann und in eine Gasse hinein. Da brannten die Lichter eines Wirtshauses und als seine “Eskorte” darauf zuhielt, tröstete sich der Priester mit dem Gedanken, dass auch in solchen Häusern wohl Menschen starben. Und den letzten Segen konnte er einem Menschen nicht verweigern, wo immer er sich auch befinden möge.
Tatsächlich zog man ihn in die überfüllte Wirtsstube und weiter zu einer Stiege. Nebelhaft hörte der so grob Geführte höhnisches Gelächter und Händeklatschen, als man ihn hinauf und in eine Kammer hinein stieß. Da endlich wurde er losgelassen, und er schaute sich um. Es war ein dunkler und nicht eben sauberer Raum ohne Fenster, nur von einem Talglicht erhellt, das in einiger Entfernung vom Bett stand. Auf dem regte sich jemand - fürchterliches Röcheln war zu hören.
Da nahm der Priester seine Tasche an sich und holte das Nötige heraus, denn schließlich war da einer in Todesnot und Gottes Hilfe wurde gebraucht. Der beiden Kumpane achtete er nicht mehr, er richtete seinen Sinn ausschließlich auf die Gestalt unter den Decken, die sich unruhig wand und rasselnde Atemzüge tat. Der Sterbende war wohl des Sprechens nicht mehr mächtig, und so spendete der Priester das Sakrament und sprach die nötigen Worte im Herrn.
Als er sich erhob, um den Leidenden zu salben, berührte er die aufgetürmten Kissen der Lagerstatt, die dadurch herunterfielen. Plötzlich bäumte sich die Gestalt im Bett auf, mit wütendem Grunzen und Gurgeln. Der Priester fuhr zurück und sah mit weit aufgerissenen Augen, wie alle Decken zu Boden fielen und sich eine riesige Sau zappelnd zur Seite drehte. Das Viech sprang von Bett und steuerte auf die Tür zu, um zu flüchten.
Totenbleich fuhr der Gottesmann herum und wurde gewahr, dass sich hinter ihm in der Kammer und vor der offenen Tür Dutzende von Gaffern drängten. Die völlig aus der Fassung geratene Sau rempelte und stieß mit lautem Quieken das Gesindel beiseite und gab Fersengeld. Inmitten von tosendem Gebrüll und Gelächter gelang es dem jungen Priester unter Knüffen und Pfiffen das Haus zu verlassen. Auf der dunklen Gasse angekommen, sank er in die Knie, er rang die Hände und rief in die Nacht hinaus: “Herr, strafe die, die Deinen Namen schänden und Deiner spotten.”
Als er diesen verzweifelten Ausruf getan hatte, war plötzlich um ihn herum Stille. Selbst die gröhlende Meute, die hinter ihm ins Freie getreten war, schwieg still. Mit einem Schlag wurde die Luft schwer, drückte bleiern auf die Lunge. Ein schneidender Luftzug stob vom Meer her in die Stadt, wurde stärker und teilte die Wolken. Ein salziger und modriger Geruch verbreitete sich und ein fahles Leuchten kam auf, das sich über den Himmel zog.
Wiederum fühlte sich der Mann gepackt… aber diesmal sanfter und von der älteren Frau. “Schnell, kommt… solang es noch geht.” Mit diesen Worten zog sie ihn mit sich. In ihrer Gesellschaft befanden sich die beiden jungen Mädchen, die jede einen Korb trugen und Decken. Er wurde zum Strand geführt und in ein Boot gedrängt von seinen Begleiterinnen, die die Ruder ergriffen und kräftig ausholten. Nicht lange, und der Kiel rutschte auf den Sand einer kleinen Insel vor der Küste.
Dort standen die vier Gläubigen und sahen zu, wie das Meer sich erhob und mit dem Sturm Einlass forderte zu Rungholt und ungehindert in die Stadt brach, mit den Häusern spielte und die Straßen bedeckte, alles was Atem brauchte erstickte und hinabzog in die Tiefen. Und niemand entkam dem Zorn des Himmels, außer den vieren auf der Insel. Das ist die Legende von der stolzen Stadt Rungholt.