“Nicht weit von Freienwalde, an der Berliner Chaussee, ist eine Kiefer zu finden, vor der sich ein Gedenkstein befindet. Dieser weist den Baum als “Brandfichte” aus, über die ich folgende Geschichte hörte.”
Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz (PresseNet)
Im Jahre 1628 lebte in dem Ort Freienwalde eine Frau names Anna Liebenwaldt mit ihrem Manne. Beide waren unauffällige und hart arbeitende, aber geachtete Leute und in der Gemeinschaft wohl gelittene Bürger. Nach einiger Zeit geschah es, dass der Mann anfing zu kränkeln. Anna behandelte ihn mit allerlei Hausmitteln, die zu jener Zeit in Gebrauch waren - Kräuteraufgüsse und Wickel auf Brust und Leib, und ein Gebet dazu.
Der Zustand des Gatten verbesserte sich nicht dadurch, und die Liebenwaldtin wusste sich nicht mehr zu helfen und fragte die Gevatterinnen und Nachbarinnen um Rat.
Da gab es verschiedene gut gemeinte Rezepturen und wohl auch Diagnosen, aber was immer man versuchte, es blieb ohne Erfolg. Das schlechte Befinden des Mannes war ein Rätsel für seine Frau, und auch für die teilnehmende Nachbarschaft.
Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, und so tat Anna mit der Zeit mehr als ihren Teil der Arbeit und versuchte, das Auskommen zu sichern. Wenn sie um Holz im Wald unterwegs war, sammelte Anna dabei die Kräuter, die ihrem Mann wohltaten, wenn sie auch nicht heilen konnten. Aber für Linderung war sie schon dankbar.
An eine Heilung glaubte sie schon lange nicht mehr und fügte sich in den Willen Gottes. Denn dafür hielt sie ihr Ungemach und beklagte sich nicht. Es wurde ein gewohntes Bild für die Freienwalder, die Anna Liebenwaldt, die mit ihrer Holzlast und einem Kräuterbündel aus dem Wald kam des Abends. Der eine oder andere gutmütige Nachbar hatte wohl eine Zeit geholfen bei mancher schwereren Arbeit, aber mit der Zeit wandte man sich wieder den eigenen Angelegenheiten zu. Man wird der Not der anderen überdrüssig und verhärtet das Herz.
So ging es lange Zeit - Annas Mann wurde kränker und hinfälliger, und Anna müder. Und sie ging gebeugter unter den Wäschewannen und Holzbündeln. Um diese Zeit herum fingen die Weiber an zu reden, über die Angelegenheiten der Liebenwaldts. Dass es nicht mit rechten Dingen zugehen könne mit dem Mann. Er habe wohl Schuld auf sich geladen und büße seine Sünden ab, denn Gott strafe unfehlbar - so meinten wohl einige und nickten beifällig mit dem Kopf. Andere blickten scheel nach der müden Gestalt und machten Andeutungen über Kräuterkunst und sonderbare Dinge im Wald. Die Ehrlichen hörten weg bei solchem Gerede, die Gelangweilten und Hartherzigen gaben noch eins dazu.
Dann, nach langen Monaten des Siechtums, starb der Mann der Anna Liebenwaldt. Sie nahm es hin als unabänderlich - abgefunden mit diesem unausweichlichen Ende hatte sie sich lange schon.
Und als er unter der Erde war, da wurde das Geflüster zu lautem Gerede. Von langsamem Vergiften wurde da gesprochen, gar von Zauberei und Schadenzauber. Jeder hatte ja gewusst, dass da nicht alles war, wie es sein sollte mit dem kranken Liebenwaldt. Jeder wusste da etwas anderes zu erzählen, das ihm aufgefallen war. Wie so mancher, der im Wirtshaus auf der Bank bei einem Schoppen saß und sich mit jedem Humpen an mehr Einzelheiten erinnerte, die ihm aufgefallen waren. Dass die Milch sauer geworden war, nachdem die Hexe vorbeigegangen war. Und die Krankheit der Kühe, und das unnatürlich schlechte Wetter für die Jahreszeit. Es war die Zeit der Verbitterten, der Unglücklichen und der Missgünstigen. Jeder Mückenstich, jeder Unfall, jedes eigene Versagen war auf die Hexerei der Liebenwaldtin zurückzuführen.
So kam es, dass eines frühen Morgens grob an die Tür gehämmert und Anna ergriffen wurde. Stumm hörte sie die Anschuldigungen, stumm ließ sie sich fortführen in die Gefangenschaft, ohne Regung nahm sie die Beschimpfungen der Freienwalder hin.
Bei der Befragung leugnete Anna alles, was man ihr vorwarf. Nein, sie habe keine giftigen Kräuter gesammelt. Nein, sie habe keine Verbindung mit dem Teufel, sie wisse nichts vom Vieh der Bauern und vom Hagel. Aber das nützte nichts, hatte man sie doch gesehen, wie sie des Nachts um die Felder schritt und um die Ställe, um Böses herabzurufen. Man hatte sonderbare Geräusche aus dem Wald gehört, wenn Anna Holz sammelte, und man hatte sie in Gesellschaft von Raben und anderen Boten der Hölle gesehen. Und man wusste, dass sie ihren Mann vergiftet und behext hatte.
Das Urteil lautete auf “Verbrennen”, was mit solchem Johlen und begeisterten Ausrufen begrüßt wurde, als wäre ein Volksfest verkündet.
Am Tag der Vollstreckung begleitete man die Exekution in solcher Stimmung, als wäre man auf dem Weg zur Kirmes. Einige wenige wandten sich ab von diesem Treiben und sprachen ein Gebet. Die allermeisten jedoch zogen zu dem Platz an der Landstraße, wo man den Scheiterhaufen errichtet hatte.
Die Liebenwaldtin war nur mehr ein Schatten ihrer selber, mit geschorenem Kopf und einem Überwurf aus Sackleinen konnte sie sich mit Mühe auf dem Karren halten, der zur Richtstätte rumpelte. Trotz man dem wehren wollte, warfen die Gaffer und Gröhler mit allerlei Unrat und auch mit Steinen nach ihr, die mit geschlossenen Augen keine Regung erkennen ließ.
Erst als Anna auf dem Scheiterhaufen stand und der Priester ihr das Kreuz vorhielt, öffnete sie die Augen.
Und zum Schrecken der Anwesenden rief sie laut die Worte: “Ich bin unschuldig, und damit ihr seht, dass ich die Wahrheit spreche, soll hier aus der Asche ein Baum wachsen.” Weiter sprach sie nichts, und man stieß die Fackel in den Holzstoß.
Aber es geschah, wie Anna Liebenwaldt gesagt hatte: wo der Scheiterhaufen gewesen war, wuchs mit der Zeit eine Fichte. Und als Zeichen der Reue legten Vorübergehende kleine Zweige nieder, was zu einem festen Brauch wurde in der Gegend.
Die Fichte ist längst abgestorben, aber an derselben Stelle ist immer wieder ein Baum gewachsen, als Mahnmal und zur Erinnerung.
So wird noch heute der Anna Liebenwaldt gedacht, die unschuldig als Hexe verbrannt wurde.