In der Nähe von Metten in Niederbayern steht die Burganlage des Schlosses Egg. Die vortreffliche und gewaltige Feste war bewohnt von Peter Egger von Egg, der seinem Herrn Kaiser Ludwig, der den Beinamen “der Bayer” trug, als Feldhauptmann lange Jahre diente.
Burg Egg war ihrer Lage gemäß die Schutzburg des Gebietes gegen die Böhmen, sollten diese, wie oft in der Vergangenheit, in das Donauland und den bayerischen Wald eindringen. Der Herr von Burg Egg hatte bei seinem Leben geschworen, das Land vor Feinden zu schützen und für den Kaiser zu halten.
Trotz der bestehenden Feindschaft hatte der junge Herr von Egg eine böhmische Braut heimgeführt, was einen sehr zerbrechlichen zeitweiligen Frieden mit zumindest einem maßgeblichen böhmischen Stamm zur Folge gehabt hatte. Nun aber war die Rede von Krieg, und der junge Ehemann sah sich für diesen Fall in einer bösen Lage. Zwar galt seine Treue vollständig Kaiser, Land und Famile - doch war er auch seiner Frau in Treue und Liebe zugetan.
Ihm ahnte, dass ein Krieg im eigenen Hause dem an der Grenze vorangehen könnte. Und tatsächlich war die leidenschaftliche Böhmin außer sich, als sie von der Kriegserklärung und der erwarteten Invasion erfuhr. Wenn auch ihre Liebe ihrem Gatten galt, so war sie doch auch ihrer Familie tief verbunden und ertrug die Vorstellung kaum, dass die Menschen, denen ihre Liebe galt, sich bekämpfen und töten sollten. Die Erklärungen ihres Mannes hörte sie kaum an und mit blitzenden Augen, und unter verzweifelten Tränen schrie sie, wenn er ihrem Vater oder ihren Brüdern den Stahl ins Herz stieße, dann wäre es besser, er täte ihr genau so, denn sie würde es nimmer vergeben.
So war der Schatten des Krieges in das Leben des jungen Herren von Egg gefallen, denn dieser liegt nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern verdunkelt auch Verstand und Herz.
Der alte Graf schwieg zu diesen Dingen, denn wem hätte es genützt, über die kommenden Notwendigkeiten zu klagen. Er selber war zu alt geworden, um in den Krieg zu ziehen - sein Sohn würde an seiner statt das Heer führen. Vielleicht verhinderte Gott in seiner Gnade, dass sich die Familien gegenüberstünden im Kampf. Man konnte darum beten, und man konnte hoffen.
Als der Feind tatsächlich die Grenze überschritt, zogen die Männer des Kaisers, unter der Führung des jungen Eggers, zur Verteidigung, und obwohl sich die junge Frau an die Brust ihres Mannes warf, erinnerte sie ihn doch an ihre Worte, die sie gesprochen und die sie niemals zurücknehmen werde.
Unter dieser drückenden Last verließ der Ehemann die Burg und warf sich den Böhmen entgegen. Und in Waffenkunst und Tapferkeit stand der Sohn des Peters von Egg seinem Vater in nichts nach, er führte seine Männer klug und verstand es, durch das Beispiel seines Mutes ihre Achtung und Bewunderung zu erwerben. Sein Beispiel hielt die Moral und die Treue der Soldaten aufrecht, so dass die Männer sich bewährten, wo immer sie auf den Feind trafen.
Bei Furth begegnete ihnen eine sehr starke Abteilung der Böhmen, so dass sie in einige Bedrängnis gerieten. Doch der Egger ließ nicht nach in seiner Tapferkeit und als es zum Kampf Mann gegen Mann im Gelände kam, stand es gleich zu gleich. Doch als wollte die Vorsehung ein böses Spiel treiben, erkannte der junge Graf in einem Gegner, der ihn direkt anging, den jüngsten Bruder seiner Gemahlin.
Dieser war eigentlich noch ein Knabe auf der Schwelle zum Manne, aber er handhabte seine Lanze sehr geschickt. Und nicht weniger geschickt lenkte er sein Pferd an seinen Schwager heran, um ihn vom Pferd zu stechen. Der Egger war dem jungen Hitzkopf bei weitem überlegen, das wusste er. Also rief er ihn an, um ihn zum Halten zu bewegen. Und obwohl der junge Angreifer ihn wohl erkannt haben musste, sprengte er vorwärts.
Da drehte der Graf sein gut geschultes Pferd blitzschnell bei und hieb die Lanze des Jungen mit dem Schwert in zwei Stücke. Ein heller Zornesruf wurde ausgestoßen, und der an ihm vorbeigeschossene junge Böhme wendete sein Pferd, um mit gezogener Klinge auf den Heerführer einzudringen. Dieser nun hatte seinerseits die Lanze angelegt, um sich zu schützen, und wenn der Bruder seiner Frau nicht halten würde, musste er ihn spießen.
Alles vergessend starrte von Egg in das Gesicht des anstürmenden Schwagers, das dem seiner Frau so ähnlich war und focht einen inneren Kampf aus, der nicht mehr als einen Herzschlag währte. Dann riss er sein Pferd herum und sprengte davon.
Dies rief Unverständnis und Entsetzen hervor bei den eigenen Soldaten, die böhmischen Krieger aber frohlockten und der Ruf: “Der Egger flieht, seht doch! Er flüchtet!” pflanzte sich von Kehle zu Kehle fort. Die eigenen Leute nahmen ihn auf und trugen ihn weiter, und durch die vermeintliche offenkundige Feigheit des Anführers verloren die Bayern ihren Mut und wurden geschlagen.
Schnell wie Schlachtrösser wurde die Kunde weitergetragen und erreichte die Burg und den alten Egger. Der wollte nicht glauben, was er hörte, kannte er doch seinen Sohn. Doch Hunderte von Berichten ließen keinen Zweifel mehr zu, und obwohl der Alte zu wissen glaubte, was geschehen war, berief er das Kriegsgericht zu Straubing ein.
Und er selber führte den Vorsitz, gebeugt und weißhaarig und innerhalb weniger Tage zum Greis geworden. Der Angeklagte verteidigte sich nicht, denn obwohl er Gründe für sein Verhalten hätte ins Feld führen können, wusste er doch, dass er an seinem Kaiser und an seinem Vater zum Verräter geworden war. Das allein zählte.
Mit bleichem Gesicht, aber fester Stimme, verurteilte der Vorsitzende ihn zum Tode durch das Beil. Und so sahen sich Vater und Sohn zum letzten Mal in die Augen und vergaben einander in stummem Einverständnis. Und als das Haupt des jungen Grafen unter der Axt des Scharfrichters fiel, standen die Zeugen und der alte Graf in Schweigen dabei.
Das wird erzählt von Peter Egger von Egg, dem Feldhauptmann des Kaisers und seiner unverbrüchlichen Treue.
Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, Pressenet