Die Sage von Burg Weißenstein

Bei der Stadt Regen im Bayerischen Wald liegt die Ruine der Burg Weißenstein, einer Feste, von der die Leute viel zu berichten wissen. So kam die Sage der Burg Weißenstein auch zu mir, und ich erzähle euch, was ich gehört habe.
Frei nacherzählt von Ilona Elisabeth Schwartz, PresseNet

Vor langer Zeit lebte auf Weißenstein ein Ritter mit seiner Ehefrau. Diese war eine noch junge Dame und ihr Mann war ihr sehr zugetan. Er war geradezu närrisch mit ihr und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, tändelte und scherzte und war galant wie die Prinzen im Märchen.

Die junge Frau war von stolzer, aber auch verwöhnter Art, und sich ihrer Schönheit sehr wohl bewusst. Was immer sie tat, war in den Augen ihres Gatten wohlgetan. Denn wenn er zu seltenen Zeiten ungeduldig mit ihr wurde, so kraulten ihre zarten Finger ein wenig seinen Bart und ihre Augen sahen groß und unschuldig zu ihm auf - sie legte ihr Köpfchen schief und lächelte verheißungsvoll. Da konnte er nicht anders, als ihr die kleinen Torheiten zu verzeihen und ganz ihr williger Diener zu sein.

Die Dame hatte auch eine andere Seite, die sie ihrem Manne nicht, wohl aber dem Gesinde zeigte. Da fürchtete man sich vor dem kalten Blick und der scharfen Stimme nicht wenig. Und zu strafen verstand die Herrin auch, wenn etwas nicht nach ihrem Willen ging. Manche Jungfer ging mit einer roten Wange und Tränen in den Augen in ihre Kammer abends, nachdem sie der Herrin aufgewartet und deren Missfallen erregt hatte. In den Wirtschaftsräumen der Burg waren die Auftritte der Edelfrau gefürchtet, denn zu diesen Zeiten waren Prügel mit dem Riemen für die Knechte und Mägde nichts außergewöhnliches, wollte man diese zur Eile antreiben. Die Herrin ließ dieses Mittel je nach Laune einsetzen und ganz nach ihrem Dafürhalten.

Dem Ritter aber zeigte sie sich sanft und liebreizend, und so ging es lange Zeit. Dann kamen berittene Boten zur Burg, in immer kürzeren Abständen, und ließen den Ritter in ernster und besorgter Stimmung zurück. In solchen Zeiten widmete er sich seiner Ehefrau nicht ganz so wie sonst. Die Dame ließ ihren Unmut darüber an ihren Jungfern und dem Gesinde aus, wobei auch die Jagdhunde und ihre Pferde ihr Teil erhielten.

Immer öfter nun kamen Nachrichten, und wohl auch Edelleute aus anderen Teilen der Region, um Rat zu halten, denn es wurde Krieg befürchtet. Des Ritters Blick verweilte wohl oft in Sorge auf seiner jungen Frau, doch teilte er seine Befürchtungen nicht mit ihr.

Eines Tages nun wurden die Ahnungen zur Gewissheit, der Ritter musste seinem Kriegsherren in den Kampf folgen. In der Burg und den Werkstätten herrschte fieberhafte Betriebsamkeit, der Schmied hatte Arbeit zuhauf und ebenso die Knappen und Pferdeknechte. Alles wurde geregelt und die Herrschaft über Burg und Menschen in die zarten kleinen Hände der Dame gelegt, was die Hörigen auf der Feste nicht eben fröhlich in die Zukunft blicken ließ.

Der tränenreiche Abschied war begangen worden, das Fallgitter hatte sich hinter dem Herrn und seinem Tross geschlossen, da gab es Vorbereitungen anderer Art in der Burg. Über Monate gab es Feste, Musik und Tänze, Barden und Spielleute und galante Herren bevölkerten Weißenstein, wie man es noch nie vorher gesehen hatte. Bis zum Morgengrauen hörte man das Kichern der Damen und die schmachtenden Lieder der Minnesänger, des Ritters Weinkeller wurde arg geplündert und auch die Jagdgründe. Die vornehme Gesellschaft pflegte sich nach anstrengenden Bällen und Festen ein wenig im Revier des Ritters zu zerstreuen und hauste übel unter dem Wild.

Es verwunderte niemanden auf der Burg, am wenigsten die Gräfin selber, dass in einer Nacht die Hebamme gerufen werden musste. Und nach langen Qualen gebar die Dame Siebenlinge. Die neugeborenen Knaben waren winzig aber kräftig, aber die Frau gab den Kindern keinen Blick. Noch schwach von den Anstrengungen befahl sie der Amme “…das da hinwegzubringen für immer!” und zu schweigen. Ein Beutel wechselte den Besitzer und die alte Frau schlich mit einem Bündel im Dunkeln aus der Burg.

Nicht weit von der Burg entfernt traf sie auf einen großen Haufen Reiter, deren Anführer sie ansprach. Erschrocken erkannte die Hebamme den Burgherrn, der sie fragte, was sie da treibe um diese Zeit, wohin sie wolle und was das für Töne seien, die da aus dem Bündel kämen. In ihrer Angst erwiderte die Alte, es seien Hundewelpen, für die man in der Burg keine Verwendung hätte und die sie ersäufen solle. Da nun wurde der Ritter zornig und befahl ihr, das Bündel zu öffnen.

Schweigend starrte er auf die sieben Kinder, aschfahl und mit einem Gesicht wie aus Stein, denn sein Herz sagte ihm, was geschehen war, noch bevor die Alte unter Zittern alles gestand.

Dann befahl er der Frau bei ihrem Leben zu schweigen, wickelte die Kinder ein und nahm sie mit sich. Noch vor Anbruch des Tages brachte er die Kleinen in das Kloster Rinchnach, und dort verblieben die Jungen in der Obhut der Klosterbrüder.

Auf der Burg verlor er kein Wort darüber und ließ sich willkommen als geliebter Mann und Gatte, erwiderte die tränenreichen Umarmungen der Gräfin und zuckte mit keiner Wimper, als sie über die langen Monate der Einsamkeit klagte und seine Rückkehr pries.

So gingen die Jahre in das Land, und der Burgherr schwieg noch immer über die Nacht seiner Rückkehr und die sieben Jungen. Von Zeit zu Zeit ließ er sich vom Abt des Klosters Bericht erstatten über die Fortschritte der Knaben. Seiner Dame gegenüber zeigte er sich kaum anders, aber unter den artigen Worten lag Eiseskälte. Der Herrin galt das gleich, falls sie es bemerkte, denn ihr fehlte es weiterhin an nichts, und wie bei den meisten Menschen von kalter und oberflächlicher Art fehlte es ihr an der Fähigkeit, tiefer zu blicken.

Mittlerweile waren die Knaben zu vielversprechenden jungen Männern herangewachsen, und der Burgherr richtete ein großes Fest aus, zu dem sie geladen wurden.

Es wurde an nichts gespart - Spielleute und Akrobaten wurden gerufen und die Tafel war ein Meisterwerk der Köche. In dem Treiben fielen der Herrin die wohlgestalteten und sich in artiger Manier betragenden Jünglinge auf, und sie ließ sie sich vorstellen.

Ganz hingerissen war sie, und schwärmte bei ihrem Gatten von den vortrefflichen sieben jungen Leuten. Da nahm der Ritter beiläufig einen Schluck Wein und fragte: “Könnt ihr euch denken, dass man solche wie diese Jünglinge töten wollte? Wie befändet Ihr über eine Mutter die solches täte?” Mit glitzernden Augen beobachtete die Herrin die von ihr Bewunderten beim Tanze und meinte leichthin: “Einmauern müsste man eine Mutter die so etwas tut!”

Da hob der Ritter die Hand, die Musik hörte auf zu spielen, und mit lauter und harter Stimme sprach er: “So soll es sein, Weib, denn das sind deine Söhne und dein Urteil sprachst du selber.”

Schreckensbleich hörte die Gräfin diese Worte. Dann begann sie zu schreien und zu flehen, sie warf sich zu Füßen des Ritters und bat die Söhne um Vergebung. Sie weinte und kreischte und wimmerte - sie schrie, als die Wachen sie fortbrachten - sie schrie, als der Maurer sein Werk tat, und sie verwünschte alles Lebende, als der letzte Stein zu einer Wand gefügt wurde.

Vergebung erhielt sie von keinem, wohl auch nicht von Gott - denn seither wird in der Ruine zu Unzeiten die weiße Frau von Weißenstein gesehen. Da soll sie umgehen bis zum heutigen Tag.

Das ist die Sage um die Burg Weißenstein, wie man sie mir erzählte.


… und ganz in der Nähe läßt sich’s ganz fürtrefflich Urlaub machen: Waldferiendorf Regen

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