Wer im Internet “oben” sein will - gemeint ist: bei Google auf den Suchergebnisseiten - muss sich gut vernetzen und seine Netzwerke pflegen. Diese Erkenntnis ist inzwischen Allgemeingut. Und diejenigen, die es nicht wahrhaben wollen, mosern oft, dass es im Internet “nur noch Müll” gibt.
Letzteres ist annähernd richtig, aber eben nur annähernd. Und die Müll-Sortiermaschine Google arbeitet sehr gut. Wie gut, das wissen wir nicht. Wenn wir auf einer ersten Seite etwas sehen, wissen wir nicht, ob Google 200 Spam-Einträge herausgefiltert hat oder ob es 20000. Ich erinnere mich an den “Futurologischen Kongress” von Stanislaw Lem. Da sehen “die Leute” die Wirklichkeit nur durch “Halluzinogene”, eine “schönere” Wirklichkeit. Und sie haben keine Ahnung, wieviele “Schichten der Täuschung” ihre Wahrnehmung verstellen.
Das Vernetzen im Web 2.0 ist nicht dasselbe Thema, aber ein verwandtes. Viele stellen fest, dass ihre Verlinkerei auf allen möglichen Plattformen wniger effektiv wird - in dem Sinn, dass der gewünsche Effekt - nämlich mehr Bekanntheit - langsamer eintritt, als der Arbeitsaufwand zunimmt. Fleißig verlinken und Bloggen bei Twitter, Facebook etc. können ohnehin nur wenige Web-Anbieter. Es sind die Web-affinen, medienorientierten “Publisher” und deren Agenturen. Die haben dann freilich den Vorteil, weiter vorne zu sein. Aber das “Publikum” zieht sich aus dem Vernetzen eher zurück - oder konzentriert die Freizeitaktivität “Surfen” (der Begriff stammt aus den Zeiten des noch nicht wirklich interaktiven Web) auf die Haupt-Player wie Facebook und YouTube.
Andere, durchaus prominente, sind auf dem absteigenden Ast. “Bye bye Bebo” dürfte etwa der vorletzte Artikel von Spiegel Online Netzwelt über das jetzt verkaufte soziale Netzwerk von AOL sein. Noch drastischer zeigt der Niedergang von MySpace den Trend der Zeit (ebd., “Wiedergeburt oder Verkauf?” vom 08.07.2010). Dabei hatte “MySpace alles richtig gemacht: Die Website war kommunikativ, ermöglichte soziale Vernetzung, sie hatte mit Musik ein großes Thema und es längst geschafft, selbst Teil der Popkultur zu werden. ” so der Spiegel.
Woran liegt das alles? Hier zu ein interessanter Artikel über das “Entnetzwerken aus Facebook, Xing und Co”: “Tatsächlich raubt das Rauschen der sozialen Netzwerke unglaublich viel Zeit. Unter dem Rauschen verstehe ich den Zeitverlust durch neugieriges aber weitergehend sinnentleertes Herumstöbern in den Netzen sowie den technischen Aufwand, der man benötigt, um seine Profile zu optimieren”. Enttäuschung macht sich breit, dies ist Grund für den “Rückzug von Menschen aus den diversen Web 2.0-Netzwerken.” Und was war die Täuschung? Die Vorstellung, sich mit einfachen und dazu spielerischen Mitteln, “Freunde”, “lukrative” Geschäftskontakte, einen blendenden (ja, genau) Ruf (heißt jetzt Reputation und dazu gibt es das “Reputation Management”, eben ein “soziales Netz” zu verschaffen. Das kostet ja sonst viel mehr Zeit und Mühe plus das Risiko des Einlassens im echten Kontakt.
Ich erinnere mich noch an das verückte “Link bestätigen” bei Yasni, anno 2008, tempi passati.
Und wo geht es hin? Zurück zur Natürlichkeit? “Zurück” ist per se falsch, denn die Zeit kennt nur eine Bewegungsrichtung. Ich vermute: ein Haupttrend ist eine gewisse Passivität und “Mainstream”-Orientierung. Etwas Neues ausprobieren, Risiken eingehen, aktiv werden - das ist zuzeit weniger im Trend. Dazu gehört, dass starke Trends stärker werden, das war und ist schon bei Google so, “the winner takes it all”.
Doch was heißt das für gewerbliche Anbieter? Es gibt keinen Grund, vor der Masse der Mitbewerber, der Masse der Spammer und der passiveren Haltung der Endkunden zu kapitulieren. Die gute Nachricht ist ja, das der Kunde immer noch “drin” ist und auch konsumieren will. Und es gibt viele Wege, ihm zu begegnen. Die eine Vorgehensweise: fleißig eine größere Auswahl von Web-2.0-Medien nutzen und diese kontinuierlich und zeiteffizient zu bedienen. Dies erfordert Zeit und man kommt in den “Long Tail”, d.h. in den Bereich von weniger Nutzen zu mehr Aufwand (also “abnehmender Grenznutzen”). Die zweite Vorgehensweise ist es, die jeweils effektivsten Möglichkeiten zu erkennen und anzuwenden. Es werden immer wieder Trends genannt, das soll hier nicht wiederholt werden, nur als Beispiele: Google-Maps, YouTube, Google Places (ja, alles Google). Also wie im richtigen Leben: entweder viel Arbeit oder viel Köpfchen. Am besten beides.